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Heimatwerk Grafschaft Glatz
Heimatwerk Grafschaft Glatz (ehem. Glatzer Visitatur)

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Ein Gespräch mit Prälat Franz Jung

anlässlich seiner Ehrung mit der Ehrenplakette des BdV

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Ein Gespräch mit Prälat Franz Jung – für polnische Leser der Ziemia Kłodzka erschienen im Juni 2016 Nr. 263, übersetzt von Horst Wolf, Bad Hersfeld

„Der Mensch wird als Original geboren, aber die meisten von uns sterben als Kopie. Daher versuche ich, obwohl das nicht leicht ist, die Werte zu leben, die ich aus dem Elternhaus und von meinen Lehrern erhalten habe und vergesse nicht die Treue zu meiner Heimat – dem Glatzer Land.“

Auf diese blumige Art bedankte sich der Priester und Prälat Franz Jung vor kurzem für die hohe Auszeichnung am Sitz der Katholischen Akademie in Berlin. In Anwesenheit von Persönlichkeiten aus der Welt der Politik und der Kanzlerin Merkel wurde er mit der Ehrenmedaille des Bundes der Vertriebenen ausgezeichnet. Die Auszeichnung erhielt er für seinen priesterlichen Dienst für die Vertriebenen aus dem Glatzer Land und seine Verdienste um die Versöhnung der Menschen, die dieses Land heute verbindet. Sie machte auf sein Lebenswerk aufmerksam und nach der Feier hatte ich die Möglichkeit, mit ihm über die Nachkriegsschicksale der Menschen zu sprechen, die das Glatzer Land ihre Heimat nennen. Das persönliche Schicksal von Prälat Jung ist bis heute unzertrennlich verbunden mit der Tragödie dieses Landes und ihrer Bewohner, die sich in Konsequenz dieses wahnsinnigen Krieges eine andere Heimat suchen mussten. Ähnlich wie die, die aus Ostpolen vertrieben wurden.

Für keinen von ihnen war es einfach, aus dem Haus vertrieben zu werden, in dem die Familie seit Generationen wohnte. Wenn man solche Erlebnisse hat, ist es nicht so einfach, die christliche Herausforderung zur Versöhnung, Verständigung und das Gespräch über die Zukunft anzunehmen. Der Weg dahin ist nicht leicht. Sein Motto aus seiner frühen priesterlichen Tätigkeit ist: Der Mensch wird als Original geboren, aber die Mehrzahl stirbt leider als Kopie der Welt, in der er lebte. In diesen Worten ist die ganze Philosophie des Lebens enthalten, die bestätigt, in welcher Weise das Schicksal und die Umwelt den Menschen bis zu seinem Tode formen.

„Meine Bemühungen waren darauf ausgerichtet, authentisch und glaubwürdig zu den eigenen Grundsätzen zu bleiben“ - sagt er.

Am wichtigsten waren für ihn immer die Erfahrungen, die aus der Fähigkeit des Zuhörens bei Anderen und der Konfliktlösungen für die traumatisierten seelsorglich anvertrauten Menschen kamen. Die Laudatio unterstrich seine unverbrüchliche Treue zu den Gläubigen aus dem Glatzer Kessel. In seinen Predigten betonte er immer wieder die Notwendigkeit, Wege zu finden zwischen den Menschen. Aber auch ohne Kompromisse, wenn es um die Bindung zu seiner Heimat ging.

Heimat ist ein Teil des Menschen und steht nicht zur Diskussion, ob es das Glatzer Land ist oder die Ostgebiete sind. Und er sagt weiter: „Bei meinen vielen missionarischen Reisen in die alte Heimat - sogar schon zu schwierigeren Zeiten gemeinsam mit den polnischen Nachbarn - habe ich immer auf die Rechte des Menschen und das Recht auf Heimat hingewiesen. Dass sich hier europäisches Recht verwurzelt, das Recht des Menschen auf unveräußerliches Recht auf Heimat im Sinne der historischen Wahrheit. war unser wichtiges Ziel. Und diese Arbeit bereitete mir zeitweise viel Schmerzen. Und wie verbindet sich das mit meinem priesterlichen Dienst? Man könnte hier die Worte des verdienten Theologen Kardinal Joseph Ratzinger, des späteren Papstes, anführen. Er unterstrich, dass Humanismus ohne Gott inhuman ist.

 

Was schätzen Sie Herr Prälat am meisten an dieser Auszeichnung?

Ich schätze sehr, dass uns Aufmerksamkeit zukam: auf meine Vertriebenen aus der Grafschaft Glatz, Schlesien, dem Ermland und Masuren, den Sudeten und auch darüber, dass sich die Kanzlerin an uns erinnerte, dass die Politiker uns schätzen. Das hat mir besondere Freude bereitet. Ich muss daran erinnern, dass unsere Vereinigung als Aufgabe unsere Vergangenheit schützt, mit Betreuung der Gegenwart und Sorge um die Zukunft. Wir sind keine Menschen, die nur rückwärts schauen, denn als Christen ist unsere Aufgabe der Bau von Brücken zwischen uns und denen, die auch aus ihren Häusern vertrieben wurden und jetzt dort wohnen. Das ist eine historische Warnung, die man heute nicht vernachlässigen darf, denn man muss auch Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Dieser Wechsel und diese Aufgabe haben sich erst im Laufe der Zeit herauskristallisiert. Es war auch innerhalb meiner Familie nicht leicht, denn ein ganzes Jahr, bis zu unserer Vertreibung mussten wir in unserem Haus gemeinsam mit Polen leben. Mein Vater war wütend, aber wir mussten still bleiben. Wir hatten 25 Hektar Land und die Landwirtschaft, und es hat sehr weh getan, als wir sie verlassen mussten. Wenn wir damals unseren Glauben nicht gehabt hätten, hätten wir das wohl nicht überlebt. Ich muss noch den Frauen die Ehre erweisen. Sie waren damals heilig. Bitte stellen Sie sich vor, wie sie ihre Kinder ernähren sollten, bei uns waren es neun. In Deutschland dauerte es etwa zwei Jahre, bis man uns akzeptierte und aufhörte, uns als Polen und Flüchtlinge zu beschimpfen. Und wir waren doch keine Polen, ich konnte doch kein Wort polnisch. Meine Familie lebte seit 700 Jahren in der Grafschaft Glatz, unsere Vorfahren kamen aus Franken, aus der Umgebung von Nürnberg.

 

Welche Themen sind in der Arbeit mit den damaligen Bewohnern des Glatzer Landes derzeit aktuell?

Wir werden immer weniger. Vor kurzem waren wir noch 19.200 Vertriebene, davon sind es heute wohl etwa 5.000 [Anmerkung: Diese Zahlen sind umstritten. Vermutlich ist die heutige Anzahl deutlich höher, bei ca. 15.000 lebenden Personen.], und es ist wichtig, dass sie weiterhin einen Ort haben, wo sie emotional ihre alte Heimat wiederfinden. Solche Möglichkeiten ergeben sich bei Wallfahrten, bei denen ich eine Verständigung über die entstehenden Emotionen zu finden versuche. Unsere Treffen verbinden wir bei den Pilgerfahrten mit der Kultur, Ausstellungen und der Präsentation unserer Geschichte. Damit niemand vergisst, dass man uns mit 35 Personen in einem Viehwagen verladen hat und wir nicht wussten, in welche Richtung man uns fährt.

 

Ist dieses Thema weiterhin lebendig?

Immer weniger, denn die Zeit tut das Ihrige. Aber die Erinnerung an die Heimat und die Menschen bleibt bis zum Tode. Ich sehe das, wenn ich den 80jährigen meine Geburtstagsglückwünsche überbringe. Und deswegen versuchen wir mit den Polen eine gemeinsame Sprache auf der Basis der historischen Wahrheit zu finden. Aber das ist weiterhin sehr schwer, wenn man uns sagt, dass die Polen in ein Land zurückgekehrt sind, das irgendwann einmal zu ihnen gehörte. Und das ist schließlich nicht die Wahrheit. Wir möchten die historische Wahrheit, nur dann können wir Versöhnung aufbauen. Wenn das so nicht geht, dann ist das unehrlich. Die Polen können schließlich nichts dafür, dass die Alliierten über Vertreibungen entschieden und die Wege vom Osten in den Westen sich mit Vertriebenen und Flüchtlingen überfüllten. Das war ein sehr heißes Thema vor 30 Jahren, sogar ein polnischer Bischof sprach darüber, gerade von den polnischen Bischöfen wollten wir die Wahrheit hören. Eine Versöhnung allerdings unterliegt nicht dem Stellen von Bedingungen.

 

Was also verbindet heute die alten und die neuen Bewohner des Glatzer Landes?

Die Probleme, von denen ich vorher sprach, existieren auf der politischen Ebene. Tatsächlich entstanden viele Freundschaften. Zu den Wallfahrten nach Polen fahren wir mit einem oder zwei Bussen. Wenn wir ankommen, hat jeder von uns seinen Polen, und es gibt sehr herzliche Begegnungen. Diese Reisen sind also nicht umsonst – das sind unsere Kontakte, schließlich sind wir Christen und wenn wir einander nicht vergeben, sind wir unglaubwürdig. Aber es gibt noch einige von denen, die nicht akzeptieren können, dass sie vertrieben wurden, Haus und Hof verlassen mussten mit einem Rucksack und dem, was man tragen konnte. Diese Menschen sind bis heute traumatisiert, aber das ändert sich langsam, und zwischen Deutschen und Polen gibt es immer bessere Kontakte.

Wir wurden 1946 vertrieben und das war schlimm. Mit den Polen gab es keine Freundschaften und gegenseitige Akzeptanz. Polen und Deutsche lebten nebeneinander her, sogar die Gottesdienste waren getrennt. Heute ist das nicht mehr so. Wenn wir jetzt in der Heimat sind, hören wir, wie junge Menschen sagen: „Ich bin auch hier geboren.“ Dann sage ich zu ihnen: „Teilen wir uns unsere Heimat.“

 

Wir sprechen über die neuen Polen, die jetzt hier wohnen. Was wissen Sie über sie?

Zur Zeit haben wir die Situation, dass wir in Europa gemeinsam leben, und wenn jemand hierher zurückkehrt, dann unter anderen Bedingungen. Im Glatzer Land siedeln Menschen aus der Stadt, aus Breslau, bauen ein Ferienhaus, aber während der Woche sind sie nicht hier. Die Deutschen kaufen ein Häuschen für das Alter oder sie versuchen sich in der Touristik. Weiterhin ziehen junge Leute weg, weil sie anderswo besser verdienen, das ist ein natürlicher Prozess. Es entsteht eine neue Welt, neue Bindungen zu dieser Gegend.

 

Und eine neue Gemeinschaft mit den Deutschen, hier im Glatzer Land?

Ich glaube daran nicht so recht, weil wir eine neue Generation haben. Selbst wenn jemand hierher kommt, dann zum Wochenende und ist spätestens am Mittwoch wieder auf dem Heimweg. Für uns ist wichtig, dass die Jugend aus Deutschland Kontakte knüpft. Wir sind mit ihnen hierher gefahren, damit sie den Hof ihrer Großeltern besichtigen konnten, aber sie sagten, sie hätten keine Lust nach Polen zu fahren. Sie müssten sich mit der Familie und ihren Sachen in Deutschland befassen.

 

Was wünschen Sie, Herr Pfarrer, den heutigen Bewohnern des Glatzer Landes?

Mein Wunsch wäre, dass sie diese wunderbare Landschaft und die Industrie, die es noch in geringer Anzahl gibt, irgendwie besser bewirtschaften würden. Ein Potential ist jetzt die Touristik für ältere Menschen. Die Jugend möchte in den Urlaub nach Spanien. Wir fahren mit Bussen, die Jugend mit Autos, aber schon in verschiedene Richtung. Eine solche Chance für Arbeit und Leben gibt es für junge Leute z.B. in Breslau, das Glatzer Land wird diese nicht haben. Breslau ist eine Metropole, hier ist Provinz. Diese gemütliche Ecke, das Glatzer Land, ist eine andere Welt. Breslau ist eine Weltstadt, ist Kultur.

 

Was möchten Sie, Herr Pfarrer, der Redaktion und den Lesern der „Ziemia Kłodzka” vermitteln?

Die Zeitschrift „Ziemia Kłodzka“ hat die Aufgabe, Brücken zu bauen und die Verständigung zwischen Nachbarn. Das ist deshalb wichtig, weil es sich um eine Stimme handelt, die die junge Generation hören sollte. Unsere Menschen, das sind ältere Personen, bei denen das Interesse für den Aufbau von etwas Neuem eher nicht so groß ist. Ich möchte bei der Gelegenheit Herrn Golak begrüßen, den ich für seine Ausdauer beim Herstellen einer mehrsprachigen Zeitung bewundere. Wir sind ihm dafür sehr dankbar. Dank Julian Golak, Teresa Bazała, Irena Rogowska gemeinsam mit Elisabeth Kynast konnten wir die Seligsprechung von Kaplan Gerhard Hirschfelder herbeiführen, den viele mit Kaplan Popiełuszko vergleichen. Ohne sie wäre das nicht möglich gewesen. Wir sind sehr dankbar für diese Treffen und die fruchtbare Zusammenarbeit. Die Zeitschrift sollte sich weiter entwickeln in Richtung Reflexion über die Zukunft Europas, und ich möchte unterstreichen, das dies nicht so einfach zu bewerkstelligen ist.

 

Was muss passieren, damit unsere Kontakte und unsere Zukunft besser werden?

Das Christentum sollte ernst genommen werden. Es muss einmal klar gesagt werden, dass wir hier unsere christliche Kultur haben, unsere Zivilisation des Westens, christliche Gemeinsamkeiten. Und Thema ist nicht nur der Krieg und Vergangenheit mit ihren Vertreibungen, sondern auch das, was uns verbindet. Jetzt sind die Grenzen offen und die Freiheit auf beiden Seiten der Grenze ist die gleiche (ein Moment Schweigen). Nun ja, aber damit verbindet sich das Problem, dass die jungen Menschen von hier weggehen und alles sich leert.

Sicher gibt es kein Rezept, aber die Menschen müssen verstehen, dass wir jetzt nebeneinander in Frieden leben. Die Vergangenheit lassen wir hinter uns, aber wir können das nicht vergessen, was passiert ist, sonst verstehen wir unsere Geschichte nicht. Ähnlich geht es den Polen. Es ist also ein langer Weg und man muss Ausdauer haben, die Liebe zum Nächsten muss Grundlage sein.

Wir als Kirchenleute haben auch unsere Probleme mit dem Vatikan und den Kardinälen. Es gibt kein Rezept, aber wir spüren unsere Verantwortung, da wir Christen sind, sollten wir an die Zukunft denken.

Das Gespräch führte Michał Majerski

Die deutsche Übersetzung dieses Gesprächs können Sie hier als PDF (133 kB) zum Ausdrucken herunterladen.

Der polnische Originaltext aus der externer Link Zeitschrift „Ziemia Kłodzka“ steht hier als PDF (436 kB) zum Download bereit.

 

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